Die „Smart City“ ist kein in sich schlüssiges Konzept – und erst recht kein real existierendes Gebilde. Der Begriff funktioniert vielmehr als irreführender Euphemismus für eine urbane Zukunft, in der zentrale Funktionen der Stadt zunehmend durch private Konzerne geprägt und kontrolliert werden. Schon die Wortwahl ist Teil der ideologischen Infrastruktur, die diese Entwicklung plausibel und wünschenswert erscheinen lässt.
Schaut man genauer auf das Bündel aus Technologien und politischen Strategien, das unter dem Label „Smart City“ verhandelt wird, tritt eine andere Zielrichtung hervor: Die Stadt wird wie ein Operationsraum behandelt. Viele der eingesetzten Informationssysteme haben ihre Wurzeln in militärischen Anwendungen oder polizeilicher Überwachung. Sensoren, Kameras und vernetzte Erfassungssysteme sammeln Daten, speisen sie in Analyseplattformen ein und lösen darauf basierend „geeignete Maßnahmen“ aus. Urbane Kommandozentralen sowie komplexe Software zur Erstellung relationaler Datennetzwerke – etwa Lösungen, wie sie auch von Palantir entwickelt werden – sind in der Praxis häufig primär für Sicherheits- und Ordnungspolitik gedacht, nicht für Stadtplanung oder gar für die Öffentlichkeit.
Wenn uns die smarte Stadtentwicklung als soziotechnische Vision etwas lehrt, dann dies: Solche Herrschaftsmodelle entstehen nicht von selbst. Der Markt für diese Ideen wird von Anbietern und ihren Verfechtern aktiv hergestellt. Ihre Attraktivität muss permanent neu erzeugt und rhetorisch aufgeladen werden – vor allem über den Anschein der Unausweichlichkeit: als gäbe es zur Technisierung, Plattformisierung und Datenzentralisierung keine Alternative. Vor diesem Hintergrund drängt sich eine nüchterne Feststellung auf: Die Smart City als Hochglanz-Konzernfantasie ist tot – sofern sie überhaupt je lebendig war. Umso wichtiger ist es, auch der „erfassten Stadt“ diese Zukunft zu verwehren.
Denn ein Kernmechanismus bleibt: IT-Unternehmen schaffen durch Marketing, Förderlogiken und Technologieangebote erst den Bedarf, den sie anschließend bedienen. Dabei wird oft suggeriert, technologische Innovation sei die einzige Antwort auf urbane Probleme. Das Risiko ist eine schleichende Übernahme städtischer Infrastrukturen durch private Akteure – und damit ein Kontrollverlust der öffentlichen Hand über ihre eigenen Funktionen, Daten und Entscheidungslogiken.
Die „erfasste Stadt“ gleicht dabei einem riesigen digitalen Goldfischglas: Die Bewohner glauben, sich in einem geschützten Raum zu bewegen, während jede Bewegung von außen nicht nur sichtbar, sondern auch messbar, auswertbar und vorhersagbar wird – ohne echte Möglichkeit, sich dem Blick zu entziehen.
In dieser Perspektive war die Smart City in ihrer ursprünglichen Begriffsprägung weniger ein soziales Projekt als ein Geschäftsmodell: die Umwandlung städtischer Infrastruktur in einen Absatzmarkt für Sensorik, Cloud-Dienste und KI-Plattformen.
Am Ende steht mehr als ein technisches oder rechtliches Problem. Es geht um kognitive Autonomie: Ein digitaler Feudalismus, der algorithmische Steuerung mit permanenter Beschleunigung und Reizüberflutung verbindet, kann in eine Form digitaler Tyrannei kippen. Menschen werden zu passiven Empfängern degradiert, verlieren Orientierung in ihren Wissenszusammenhängen – und damit die Fähigkeit, informierte, selbstbestimmte Entscheidungen über ihr Gemeinwesen zu treffen.

